25. September 2006
Zürich (jvo) Peter Zeindler schreibt die spannendsten Agentenromane in deutscher Sprache – und blinde Leser schätzen ihn, weil er Städte so beschreibt, dass man sie vor dem inneren Auge sieht.
Peter Zeindler kann sich an seine erste Lesung in der Blindenbibliothek noch gut erinnern, obwohl sie vor mehr als zwanzig Jahren stattfand: „Mitten in der spannendsten Szene begann unter den Zuhörern jemand laut zu schnarchen, was mich doch ein wenig irritierte.“ Wie sich später herausstellte, war es ein Blindenführhund, erklärt Zeindler lachend.
Jedes Detail hat Zeindler recherchiert
Der 72-jährige Schweizer Schriftsteller sitzt immer noch täglich an seinem Schreibtisch am Fenster, mit weitem Blick über die Limmatstadt. Ist ihm bewusst, dass seine Romane überall spielen – nur nicht in seiner Heimatstadt? „Vielleicht kenne ich Zürich zu gut, um es für meine Leser zu ergründen. Ich muss eine Stadt kennen lernen können wie einen fremden Menschen, dann kann ich sie besser beschreiben.“
So wie die Städte Tallinn, Krakau und Prag, die Zeindler besuchte - mitten im Kalten Krieg, den die USA und die damalige Sowjetunion bis 1990 führten. „Ich reiste damals trotz grosser Widerstände in die sozialistischen Länder, um die Schauplätze für meine Romane zu rekognoszieren.“
Die Atmosphäre für blinde Leser spüren und beschreiben
Umgekehrt mussten die DDR-Autoren, welche nicht in den Westen reisen durften, ihre Krimis anhand von Stadtplänen und Reisebroschüren schreiben. „Ich könnte das nicht, ich bin kein Prospektautor. Wenn ich die Atmosphäre einer Stadt nicht spüre, kann ich sie nicht plastisch beschreiben.“
Deshalb schätzen blinde Leser die Agentenromane von Zeindler und der findet es seinerseits „wunderschön, dass blinde Leser dank meinen Worten in das Leben einer Stadt eintauchen können, ohne dorthin reisen zu müssen“.
Er selbst reist überhaupt nicht gerne. „Wenn ich mit der Eisenbahn für eine Lesung von Zürich nach Basel reisen muss, habe ich schon Heimweh, wenn der Zug in den Bahnhof von Baden einfährt…“ Ausgerechnet der bekannteste deutschsprachige Autor von Spionageromanen hat Heimweh – und er war auch nie Spion.
Von John le Carré inspiriert
Ganz anders als sein Vorbild
John le Carré, der für den britischen Auslandsgeheimdienst gearbeitet hatte, bevor er mit
„Der Spion, der aus der Kälte kam“ weltberühmt wurde. Zeindler drehte in den Siebzigerjahren drei Dokumentarfilme über den Meister des Agentenromans.
Dabei merkte er, „dass mich die Welt der Spione im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich fasziniert.“ 1984 schrieb Zeindler den ersten Agentenroman mit seiner Lieblingsfigur Konrad Sembritzki – erst heute gibt er aber ein Geheimnis preis, das er sorgfältig hütete.
Sembritzki ist ein echter Berner Antiquar
Das Vorbild für Sembritzki war aber nicht le Carré, sonder der Berner Antiquar und Universitätsbuchhändler H.H.K., der für den deutschen
Bundesnachrichtendienst BND arbeitete. „Kein smarter James Bond-Typ mit dem Revolver, sondern einer dieser unscheinbaren Männer, die versteckt in unseren Städten leben.“
Aus dem realen H.H.K. wurde die Kunstfigur Konrad Sembritzki. Von H.H.K. erhielt der Protagonist die Biographie eines melancholischen Spions und Antiquars mit Wurzeln in den ostpreussischen Masuren, von Zeindler „die Vorliebe für Zigarillos, Wein und manchmal Frauen“.
Theater und Astrologie - die Vorlieben eines Spions
Zeindler lernte mit jedem neuen fiktiven Agentenroman neue echte Spione kennen. „Weil diese Agenten keine wirkliche Biographie haben dürfen und immer eine andere Person spielen müssen, wollen sie ihr Leben wenigstens zwischen zwei Buchdeckeln festgehalten wissen.“ Bei seinen Recherchen merkte Zeindler, dass die meisten Agenten deshalb irgendwann Probleme mit ihrer Identität bekommen.
Der echte Spion H.H.K. hatte zudem eine Vorliebe für theatralische Auftritte und Astrologie. So bestellte er Peter Zeindler einmal am frühen Morgen nach Bern „und auf der Allmend tauchte er dann als geheimnisvoller Reiter aus dem Morgennebel auf“.
H.H.K. zeigte dem Schriftsteller auch stolz das erste astrologische Lehrbuch in deutscher Sprache, das „Geburtsstundenbuch“ von Martin Pegius, das ihm als Erstausgabe aus dem Jahre 1570 gehörte und das er auch für viel Geld nicht verkaufen wollte.
Verloren zwischen Realität und Imagination
Ein ungewöhnlicher Agent, der zwischen Realität und Imagination lebte. Trotzdem behielt der Schriftsteller das Geheimnis von H.H.K. alias Sembritzki für sich, bis sich der reale Antiquar und BND-Agent selbst enttarnte. „Plötzlich tauchte er bei Lesungen auf und rief in die Runde, er sei der echte Sembritzki. Als er dann auch mal mitten in der Nacht anrief und erklärte, er sei in einem Einsatz und es habe gerade drei Tote gegeben, da wusste ich, dass auch bei H.H.K. die Identitäten nicht mehr zusammenpassen.“
Auch die Sehnsucht nach dem Osten passte nicht mit der Realität zusammen, zumindest für Zeindler nicht. Er war früher fasziniert von den „Ostblock“-Ländern, vor allem von den baltischen Staaten und Polen, er verschlang regelrecht die „Masurischen Geschichten“ und „Das Heimatmuseum“ von
Siegfried Lenz. „Als ich dort in den Achtzigerjahren im doppelten Sinne des Wortes in der Realität ankam, waren die Städte einfach nur trostlos und ich wurde bespitzelt.“
Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 war Zeindler nie mehr aus eigenem Antrieb dort und hat auch „keine Sehnsucht mehr nach meinen früheren Traumlandschaften“ zwischen Masuren und Karpaten. So wie auch die Faszination nach der Welt der Spionage verblasste.
Folgerichtig liess sich Zeindler nach dem letzten Agentenroman „Der Schläfer“ auch viel Zeit für seinen nächsten Agentenroman. In diesem lässt sich auch die Kunstfigur Sembritzki nur widerwillig mit hineinziehen in ein neues Abenteuer. Nicht mehr in den Osten, sondern nach Marokko zum „Abschied in Casablanca“.
Infos & Weblinks:
Peter Zeindler wurde am 18. Februar 1934 in Zürich geboren. Nach dem Lehrerseminar studierte er Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich. Er war Gymnasiallehrer, Dozent für Deutsche Sprache und Redakteur beim Schweizer Radio und Schweizer Fernsehen. Seit 1974 ist Zeindler freier Schriftsteller und Journalist in seiner Geburtsstadt.
Zeindler veröffentlichte neben seinen Agentenromanen auch Krimis, Hörspiele und Theaterstücke. Zeindlers Romane und Krimis sind nicht nur besonders spannende und kluge Exemplare ihrer Gattung – für ihre literarischen Qualitäten wurden sie viermal mit dem Deutschen Krimipreis und regelmässig mit dem Preis der deutschen Krimikritiker ausgezeichnet. 1996 erhielt Zeindler den Ehren-Glauser für sein bisheriges Gesamtwerk.
Bücher-Auswahl
1982 „Tarock“ (Politthriller)
1984 „Die Ringe des Saturns“ (Agentenroman)
1985 „Der Zirkel“ (Agentenroman)
1987 „Das Widerspiel“ (Agentenroman)
1989 „Der Schattenagent“ (Agentenroman)
1991 „Feuerprobe“ (Agentenroman)
1993 „Der Schläfer“ (Agentenroman)
1996 „Salon mit Seerosen“ (Krimi)
1998 „Aus Privatbesitz“ (Krimi)
2000 „Abschied in Casablanca“ (Agentenroman)
2004 „Toter Strand“ (Politthriller)
2006 „Der Schreibtisch am Fenster“ (Krimi, Satire und Schlüsselroman über den Literaturbetrieb)
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Dieses Porträt ist zusammen mit weiteren Texten über Peter Zeindler und Kriminalromane in der Zeitschrift "Dialog" der Schweizer Blindenbibliothek nachzulesen. Der "Dialog" erscheint viermal jährlich und kann kostenlos bestellt werden bei:
Telefon +41 43 333 32 34, Nicole Felber
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